Warum mehr Anstrengung nicht immer die Lösung ist
„Du musst dich nur mehr anstrengen“ – kennst du diesen Satz?
Hast du als Kind öfter mal gehört, dass du dich nur mehr anstrengen musst, um etwas zu schaffen, was andere Kinder scheinbar mühelos hinbekommen?
Ich bin in einem Bildungssystem aufgewachsen, das nach meinem heutigen Empfinden stark davon geprägt war, möglichst wenig Individualität zuzulassen. Für mich fühlt es sich rückblickend an, als sollten alle möglichst gleich sein, das gleiche denken und tun und vor allem nicht auffallen. Menschen, die nicht ins System passten, bekamen schnell Probleme, auch bereits als Kind. Und ja, den Satz „Du musst dich nur mehr anstrengen (oder mehr üben), dann klappt das auch.“ hörte ich damals nicht nur von meinen Eltern, sondern überall. Wichtig war weniger, was ich wollte oder konnte, sondern was allgemein verlangt oder benötigt wurde. Und so wurde auch hier aus Freude eine Pflicht.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl, dass etwas nicht mehr stimmig ist, aber du kannst es noch nicht genau greifen. Genau darum geht es auch in meinem ersten Beitrag.
Die Blockflöte – und was daraus wurde
Kürzlich ist mir eine Geschichte wieder eingefallen, die schon viele Jahrzehnte zurück liegt und in meiner Erinnerung so ablief:
Meine Großeltern schenkten mir eine Blockflöte und ich war total begeistert, konnte sie aber nicht spielen. Da ich aber im Musikunterricht durch ein gutes musikalisches Gehör auffiel und mir Musik auch großen Spaß machte, brachte mich meine Mutter zur Musikschule. Hier wurde ich dann ziemlich ausführlich getestet, zumindest in meiner Wahrnehmung, so ging es z. B. um Noten und Tonleitern und mein musikalisches Gehör. Ich bestand damals die Tests und wurde sehr gelobt, worüber ich mich natürlich sehr gefreut habe.
Allerdings hieß das nicht, dass ich nun endlich lernen durfte, wie ich meine tolle Blockflöte spielen kann. Stattdessen wurde meiner Mutter empfohlen, dass ich Geige spielen lernen soll, weil ich doch so ein gutes musikalisches Gehör hätte. Und trotzdem war ich damals total stolz auf mein Ergebnis und auch darauf, dass ich angenommen wurde. Und vermutlich war ich auch stolz darauf, dass ich ja „viel zu gut bin, um Blockflöte zu spielen“. Immerhin war das ein sehr großes Lob, von jemandem, der es ja wissen müsse, oder?
Wenn Interesse in die falsche Richtung gelenkt wird
Natürlich versuchte ich es, denn ich empfand es ja irgendwie als große Ehre, dass ich so gute Ergebnisse hatte und es fühlte sich zunächst wie etwas sehr Besonderes an. Aber von meiner Blockflöte war irgendwann keine Rede mehr und Geige spielen machte mir ziemlich schnell auch überhaupt keinen Spaß, denn um das gut zu können, muss man wirklich sehr viel üben. Ich habe noch heute Hochachtung vor allen Musikern, die dieses feinfühlige Instrument beherrschen.
Ich sollte mich also noch mehr anstrengen, um besser zu werden… aber warum sollte ich mich für etwas anstrengen, was ich überhaupt nicht wollte? Ich wollte doch ursprünglich nur meine Blockflöte spielen lernen und wäre (wahrscheinlich) auch bereit gewesen, mich da anzustrengen und viel zu üben. Aber das interessierte die Musikschule irgendwie nicht.
Stattdessen quälte ich mich also eine ganze Weile mit der Geige und lag meiner Mutter in den Ohren wieder aufzuhören zu dürfen. Aber naja, Durchhalten und Dinge zu Ende bringen, die man begonnen hat sind ja auch Glaubenssätze mit denen ich aufgewachsen bin. Zugegeben sind die nicht immer schlecht, aber die Erfahrung hat gezeigt, dass sie vor allem dann am wirksamsten waren, wenn ich es aus eigener Motivation heraus tat.
Letztlich hörte ich einfach auf zu üben, weil ich die schiefen Töne, die ich spielte, selbst nicht ertragen habe. Mein so tolles musikalisches Gehör sorgte nämlich dafür, dass mir jeder falsche Ton Schmerzen im Ohr verursachte.
Was solche Erfahrungen hinterlassen
Ende vom Lied? Diese Erfahrung hat mich bis heute so negativ geprägt, dass ich bis heute kein Instrument spielen kann. Ich bereue nicht, dass ich mich damals so hartnäckig gegen die Geige gewehrt habe, aber ich bedauere, dass mich diese Erfahrung so stark geprägt hat, dass ich nie wieder versucht habe ein Instrument zu erlernen.
Im Übrigen höre ich heute noch, wenn eine Geige nicht den richtigen Ton trifft und es lässt mich auch heute mit einem Schmerz im Ohr zucken.
Die Blockflöte habe ich übrigens bis heute aufgehoben. Als ich meinem Sohn diese Geschichte letztens erzählte, fragte er mich, warum ich nicht jetzt lerne, sie zu spielen… ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Aber vielleicht mache ich das irgendwann.
Was das mit dir zu tun haben könnte
Du fragst dich jetzt vielleicht, was diese Geschichte mit deiner Situation zu tun hat. Nun, das darfst du für dich selbst herausfinden, aber vielleicht helfen dir folgende Fragen dabei:
- Welches Motiv steckt hinter deiner Anstrengung – willst du das wirklich?
- Oder sagen dir eher andere, dass du das tun sollst?
- Wie viel Überwindung kostet es dich, wenn du dich anstrengst?
- Wie fühlt es sich an – eher nach Lernen und Zugewinn oder eher sinnlos?
Frag dich ganz ehrlich, warum du tust, was du gerade tust.
Der Pinguin – oder warum Anstrengung nicht alles ist
Auch heute wird noch oft davon ausgegangen, dass Menschen in ein allgemeines Raster passen müssen. Dabei wird aus meiner Sicht viel zu häufig vernachlässigt, dass wir eben nicht alle gleich sind.
Vielleicht kennst du die Geschichte vom Pinguin, die ich an dieser Stelle gern nutze, um noch deutlicher zu machen, worauf ich hinauswill:
Ein Pinguin ist, wie wir wissen, ein Vogel. Aber egal, wie sehr er sich anstrengt, wie viel er übt oder wie viele Coachings und Trainingseinheiten er macht – er wird sich nie in die Lüfte erheben und wie ein Adler fliegen können. Und eigentlich muss er das auch nicht, denn er ist ein herausragender Schwimmer.
Alles, was er braucht, um aus Pinguinsicht „erfolgreich“ zu sein, findet er in den für ihn passenden Rahmenbedingungen – im Wasser.
Vielleicht fühlt es sich nicht nur nach dem falschen Ort an
Die Frage ist also vielleicht nicht, ob du dich noch mehr anstrengen musst, um das alles hinzubekommen und dabei auch noch erfolgreich zu sein.
👉 Vielleicht ist die wichtigere Frage:
Bist du überhaupt am richtigen Platz?
Ich bin sicher, auch ein Pinguin fühlt sich in der Wüste fehl am Platz und will dort „nichtbleiben“.
Und manchmal zeigt sich genau dieses Muster später nicht nur in Entscheidungen, sondern auch im Körper – zum Beispiel dann, wenn aus Freude plötzlich Druck wird. Hier geht´s zum Artikel.
Zum Abschluss – ein Impuls zum Schmunzeln
Hier habe ich dir zur Inspiration, aber auch zum Schmunzeln, ein Video von Eckart von Hirschhausen mit seiner ganz eigenen Interpretation der Geschichte über einen Pinguin verlinkt. Viel Spaß: