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Geschichten von Neustarts und Umbrüchen aus Sicht einer Reha-Coachin

Woher kommt dieses Gefühl, nicht mehr am richtigen Platz zu sein?

Wenn sich etwas nicht mehr richtig anfühlt

Um dieser Frage näher zu kommen, habe ich einer Klientin eine ganz andere Frage gestellt:

👉 Welche Entscheidungen haben dich in diese Situation geführt – und aus welchen Gründen hast du sie getroffen?

Eine scheinbar sichere Entscheidung

Einer Klientin stellte ich genau diese Fragen und sie schaute mich zuerst irritiert an. Sie hatte einen sicheren Job in einer öffentlichen Verwaltung und bearbeitete jeden Tag stapelweise Verwaltungsvorgänge. Der Job hatte viele Benefits, neben einem guten Gehalt hatte sie auch noch Gleitzeit und aufgrund ihrer vorangegangenen Ausbildung in dieser Verwaltung kannte sie alle Abläufe und auch ihre Aufgaben sehr genau.

In den ersten Jahren gefiel ihr der Job auch, aber irgendwann wurde sie immer unzufriedener, ohne genau sagen zu können, woran das lag.

Wenn du dieses Gefühl kennst, dass etwas nicht mehr stimmig ist, dann bist du damit nicht allein. In meinem ersten Beitrag habe ich genau dieses Gefühl beschrieben. Hier geht´s direkt zum Artikel.

Entscheidungen, die wir sehr früh treffen

Wir schauten uns gemeinsam an, welche Entscheidungen zu diesem Job geführt hatten. Sie erzählte mir, dass sie die Ausbildung direkt nach der Schule begonnen hat, damals war sie gerade 16 Jahre alt.

Auf meine Frage, warum sie sich für diese Ausbildung entschieden hat, wusste sie zunächst keine Antwort. Nach einigen Minuten zuckte sie mit den Schultern und erzählte mir, dass sie es gar nicht genau wüsste. Sie hatte gute Noten in der Schule, aber aufgrund der wirtschaftlichen Lage in den 90er Jahren war es damals gar nicht einfach, einen Ausbildungsplatz zu finden.

Mit der Schule hatten sie einen Ausflug in ein Berufsbildungszentrum gemacht und ein Bürojob war irgendwie das Einzige, was ihr damals erklärt wurde und ihr passend erschien, denn sie wollte weder Friseurin noch Verkäuferin werden und ein Studium war in ihrer Familie kein Thema. Zu dieser Zeit gab es noch kein Internet und die Informationsmöglichkeiten waren somit sehr beschränkt. Alle anderen Pläne hatten sich durch die Wiedervereinigung spontan in Luft aufgelöst.

Wenn Möglichkeiten fehlen

Als ihre Eltern von der Ausbildung in der öffentlichen Verwaltung erfuhren, war die Aufregung daher groß und es schien eine großartige Chance zu sein, was es zur damaligen Zeit ja auch war. Also schrieb sie eine Bewerbung – sie war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 14 Jahre alt.

Viele ihrer Mitschüler und Mitschülerinnen hatten, genau wie sie, noch keine Vorstellung davon, wie es nach der Schule weitergehen soll. Viele haben zwar in den Ferien gearbeitet, aber nicht jeder Ferienjob taugte als berufliche Zukunft, zumindest beschrieb meine Klientin ihre Erfahrungen aus einem regionalen Produktionsbetrieb so.

Rückblickend betrachtet

Aus heutiger Sicht frage ich mich oft, wie viel wir in diesem Alter überhaupt schon über uns selbst wissen können. 14- bzw. 15-Jährige sollen also über ihre berufliche Zukunft entscheiden. Zum Vergleich – laut Strafgesetz ist man in diesem Alter nur strafmündig, wenn die Einsichtsfähigkeit vorliegt, d. h. wenn verstanden wird, dass das eigene Handeln unrecht war.

Meine persönliche Meinung dazu ist noch einmal eine ganz andere und ich bin sehr froh, dass sich meine Kinder für ein Abitur entschieden haben, bevor sie einen Beruf wählten.

Wenn man sich nie ausprobieren konnte (oder es nicht so ernst nahm)

Also fragte ich meine Klientin, wieso sie denn weiterhin in diesem Job blieb. Auch hier ging es eher darum, dass ihr Umfeld immer wieder meinte, dass es doch ein toller Job wäre.

Was aber niemand sah: Meine Klientin ging trotz der vielen Benefits innerlich ein wie eine Primel ohne Licht.

„Ich weiß doch gar nicht, was ich sonst machen soll!“ murmelte sie im Gespräch irgendwann – und genau das war der ausschlaggebende Punkt.

Woher sollte sie es denn auch wissen, wenn sie sich nie ausprobieren konnte und inzwischen aber erwachsen geworden ist?

Und selbst, wenn sich Schülerinnen und Schüler heute im Schülerpraktikum ausprobieren können heißt das nicht, dass sie zwingend eine bessere Entscheidung treffen können. Nicht selten wird auch das Praktikum schon aus den falschen Gründen gewählt, weil entweder die Möglichkeiten eingeschränkt sind oder die Motive für oder gegen ein Praktikum nicht genug hinterfragt wurden.

Wenn du dich hier wiedererkennst

Wenn du dich an dieser Stelle wiedererkennst, dann mach dir keine Vorwürfe. Was du vielleicht fühlst, darfst du fühlen, auch wenn dich niemand sonst versteht.

Es geht nicht darum, dass du sofort eine Lösung hast. Es geht darum, dass du lernst, dich selbst und deine Bedürfnisse besser zu verstehen und dein Potenzial zu erkennen.

Was du jetzt tun kannst (ohne Druck)

Aber bevor du jetzt direkt kündigst, atme erstmal tief durch.

Schau dich in deinem Unternehmen einmal in Ruhe um:

  • Gibt es vielleicht intern andere Jobs, die dich interessieren?
  • Wie sieht es in deinem persönlichen Umfeld aus?
  • Welche Jobs haben andere Menschen in deinem Bekanntenkreis?

Lass dir davon erzählen.

Berufliche Neuorientierung ist oft kein Sprint, sondern ein Marathon. Es ist ein Prozess, bei dem du dich im Normalfall genauer unter die Lupe nehmen musst. Stell dir zunächst folgende Fragen:

👉 Was macht dir Freude?
👉 Worin bist du wirklich gut?

Vielleicht hast du kleine Fetzen von Ideen – dann schreib sie auf. Du musst die Antworten nicht sofort haben, lass die Fragen eine Weile wirken, erzwinge nichts.

Dieser Artikel ist keine Lösung

Dieser Artikel ist nicht die Lösung, sondern eine Geschichte, in der du dich vielleicht ein Stück selbst siehst und erkennst, dass nichts von deiner Geschichte schlecht oder deine Schuld ist.

Du bist einfach „nur“ erwachsen geworden und hast dich weiterentwickelt.

Wenn du jetzt das Gefühl hast, „nichtbleiben“ zu können, dann gibt es dafür unterschiedliche Wege – und ich hoffe, du findest auf meinem Blog Impulse für deinen ganz persönlichen Weg.

Manchmal liegt dieses Gefühl nicht nur an der aktuellen Situation, sondern auch an Erfahrungen, in denen wir gelernt haben, uns anzupassen. Eine solche Erfahrung beschreibe ich hier.