Warum mein Nervensystem gestreikt hat – und was ein liegengebliebener Pullover damit zu tun hat.
oder: Wann ist aus meinem Leben eigentlich ein „ich muss nur noch xy erledigen, dann…“ geworden?
Wie alles begann – mein Einstieg ins Stricken
Vor ziemlich genau fünf Monaten habe ich damit begonnen einen Pullover zu stricken. Meine Mutter hatte mir als Kind bereits versucht das Handarbeiten näher zu bringen, aber damals konnte ich mich dafür noch nicht begeistern. Der Schal, an dem ich mich damals versuchen sollte, war krumm und schief und außerdem dauerte es gefühlt ewig voranzukommen. Dauernd flutschten mir die Maschen von der Nadel oder ich war so verkrampft, dass ich die Maschen viel zu eng zog. Also waren meine Strickversuche damals recht schnell wieder beendet und es hat Jahrzehnte gedauert, bevor ich mich dem Thema Handarbeiten wieder näherte. Wie das passierte, ist noch einmal eine andere Geschichte.
Der Anfang lief gut – bis plötzlich nichts mehr ging
Ich nadelte also meinen Pullover an, nachdem ich auf YT mal wieder eine tolle Anleitung gesehen hatte, die auch das Umrechnen auf meine vorhandene Wolle genau erklärte. Voller Tatendrang begann ich die ersten Reihen und es lief gut, zumindest am Anfang.
In Reihe 70 ließ ich das Strickstück dann liegen – ganze fünf Monate, obwohl ich eigentlich Spaß daran hatte, auch weil ich ja den Fortschritt sehen konnte. Aus irgendeinem Grund konnte ich nicht weitermachen.
Wenn Projekte plötzlich Druck erzeugen
Natürlich schielte mich dieses begonnene Projekt, genau wie sechs weitere, täglich vorwurfsvoll an. Denn „eigentlich“ hatte ich mal für mich entschieden, dass ich nie eine von „denen“ werde, die ihre Projekte nicht zu Ende bringen. Schließlich ziehe ich immer durch, was ich beginne, und gebe nicht einfach auf. Naja, was meinen Job angeht, stimmt das auch, aber bei meinen Hobbies entwickelte sich das ganz anders.
Der Moment der Erkenntnis – vom „Ich will“ zum „Ich muss“
Heute kam mir nun der entscheidende Impuls – Ich habe meine Handarbeitsprojekte irgendwann nicht mehr als entspannendes Hobby betrachtet, sondern als weiteres Projekt auf meiner ToDo Liste. Jedes Mal, wenn ich das Strickstück zur Hand nahm, kam der Gedanke: „Ich muss noch x Reihen machen, dann kann ich…“ und damit wurde aus dem Spaß am Kreieren plötzlich der Zwang das Ergebnis zu liefern und mein ganzer Körper wehrte sich erneut, ich ließ es also bleiben.
Wenn Leistung wichtiger wird als Freude
Wenn ich darüber nachdenke, dann passierte mir das oft. Aus dem enthusiastischen „oh ja, das macht Spaß“ wurde irgendwann ein „Ich muss…“. Dann ging es nur noch um Aushalten, Durchhalten, zu Ende bringen. Und schon war ich unbewusst wieder gefangen in meiner Kindheitsspirale, in der Leistung irgendwie immer wichtiger war als Kreativität. Plötzlich war ich wieder in einem Muster, das ich eigentlich längst hinter mir lassen wollte und in dem Arbeit, Ergebnisse und Nutzen gefühlt einen viel höheren Stellenwert haben als Genuss, Entspannung oder Freude. Und dabei hatte ich doch eigentlich schon gelernt, dass innehalten, durchatmen und achtsam sein so wichtig für mich sind.
Was mein Nervensystem mir zeigt
Aber egal, wie viel ich darüber weiß, sobald aus dem „ich will“ ein dauerhaftes „Ich muss“ wird, beginnt mein Nervensystem mir zu zeigen, dass es so „nichtbleiben“ kann. Dass ich dringend etwas ändern muss, sonst falle ich wieder in alte Muster. Dummerweise sind wir wenig sensibel für die ersten Anzeichen, meistens merken wir erst sehr spät, dass etwas ganz und gar nicht stimmt und unser Körper und das Nervensystem völlig verrückt spielen.
Dieses Gefühl, dass etwas nicht mehr passt, kommt oft nicht plötzlich. Wenn du dich fragst, wo es überhaupt herkommt, findest du hier einen Einstieg.
Kommt dir das bekannt vor?
Kommt dir das bekannt vor? Wann hast du das letzte Mal etwas rein aus Freude getan, ohne Erwartungsdruck an das Ergebnis.
Zurück zur Freude – mein aktueller Stand
Ich habe übrigens gestern das Vorderteil meines Pullovers fertiggestellt und war sehr stolz auf mich, auch wenn er noch lange nicht fertig ist, aber ich habe wieder Freude an jeder einzelnen Reihe, weil ich das Strickstück beiseitelege, sobald ich den Gedanken „ich muss“ in meinem Kopf höre.
Oft hat es auch mit Erfahrungen zu tun, in denen wir gelernt haben, uns anzupassen, statt auf uns selbst zu hören. Eine solche Geschichte erzähle ich hier:
👉 Pinguin & Blockflöte

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