Ich habe bereits früh gelernt zu funktionieren und Leistung zu bringen, immerhin erhielt ich dadurch mein bestes Feedback und das ist was Gutes. Aber irgendwann in meinem Leben habe ich durch mein rasantes Tempo wohl eine Abzweigung namens Selbstfürsorge verpasst. Wahrscheinlicher ist aber, dass ich sie einfach ignoriert habe, weil ich für diesen „Umweg keine Zeit hatte“.


Selbstfürsorge? Kannte ich nicht.

Meine Generation hat Selbstfürsorge nicht wirklich gelernt, glaube ich zumindest. Wir durften als Kinder nicht einfach nur faul rumgammeln, sondern mussten immer irgendwas tun – am besten natürlich an der frischen Luft. Klar, Spielen war toll. Und wir konnten unserer Fantasie dabei freien Lauf lassen, vor allem weil es an elektronischen Ablenkungen fehlte. Ich kann mich auch an viele Nachmittage erinnern, an denen wir uns aus alten Laken dicke Röcke machten und Prinzessin spielten oder auch an wilde Schneeballschlachten mit den Nachbarskindern. Anfang der 80er Jahre gab es im Osten Deutschlands noch nicht so ein Überangebot an Spielwaren.

Aber irgendwann war damit Schluss und ich kann mich ehrlich gesagt nicht erinnern, wie das passiert ist, aber vermutlich war Prinzessin spielen mit einem gewissen Alter nicht mehr so angesagt. Irgendwann war ich einfach groß. Als Kind und auch als Jugendliche war ich eher der schüchterne und introvertierte Typ Mädchen, bloß nicht negativ auffallen war irgendwann das Hauptziel. Warum? Ich wollte selbst keinen Ärger und ich wollte auch meinen Eltern keinen Ärger machen, denn das passierte in der DDR viel zu schnell, da jeder ständig unter Beobachtung stand.


Was die Generation vor uns geprägt hat

Aber warum haben viele Menschen meiner Generation nun keine Selbstfürsorge gelernt. Ganz einfach, niemand wusste, dass es so etwas gibt und dass es später notwendig werden würde, es gab vermutlich noch nicht mal diesen Begriff.

Das Leben damals war geprägt von der Nachkriegszeit, es ging ums Überleben und Aufbauen, nicht um Selbstverwirklichung. Tatsächlich hatten meine Großeltern damals zwei Weltkriege und eine Flucht hinter sich. Die einzige Selbstfürsorge war es, das Ganze zu überleben und dafür zu sorgen, dass die Alten, Kranken und die Kinder ein Dach über dem Kopf und eine Mahlzeit hatten. Das Leben war härter, aber viel gradliniger und vorhersehbarer als heute, zumindest ab den 60ern, was sich ja später auch in der Kultur der „wilden Achtziger“ Jahre zeigte.

Junge Erwachsene lehnten sich erstmals auf, wollten aus dem Anpassungsdruck ausbrechen. Was das mit Selbstfürsorge zu tun hat? Ich weiß es nicht, ich gehörte nie zu den schrillen Vögeln oder den Rebellen. Rebellen, egal welcher Art, galten zu dieser Zeit als asozial. Mein größtes Aufbegehren damals war es, mein FDJ-Hemd in meine Schultasche zu quetschen und erst ziemlich widerwillig anzuziehen, wenn wir zum Appell gerufen wurden, zugegeben eher aus modischen Gründen und weniger aus politischen. Trotzdem konnte es Ärger bedeuten.

Für alle, die es nicht kennen: die FDJ (Freie Deutsche Jugend) war die staatliche Jugendorganisation in der DDR, die versuchte, „den sozialistischen Nachwuchs zu drillen“. Als Zeichen der Zugehörigkeit musste jeder ein entsprechendes FDJ-Hemd in sehr unvorteilhaftem Blau tragen, natürlich glattgebügelt und voller Stolz. Zumindest in der Vorstellung der politischen Führung.

Aber zurück zum Thema. Warum keine Selbstfürsorge… Ich glaube es war schlicht nicht notwendig. Frauen hatten einmal im Monat einen Haushaltstag, die Kinder gingen Samstag vormittags noch in die Schule und das Leben war so vorhersehbar, dass niemand wirklich darüber nachdenken musste. Aber unsere Eltern waren eben auch nicht dazu erzogen worden auf sich selbst zu achten, es ging meist immer noch darum auf andere zu achten und sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Damals war das kein Problem. Die Zeit war nicht konsumgetrieben, nicht schnelllebig und vor allem nicht teuer.


Irgendwann funktioniert das System nicht mehr

All das änderte sich erst als ich bereits erwachsen war. Im Gegensatz zu meiner Elterngeneration konnte ich mich zwar gut an die neue Schnelllebigkeit anpassen, aber mein anerzogenes System funktionierte nicht mehr in dieser Welt und viele Jahrzehnte merkte ich es auch gar nicht, bis ich nur noch ausgelaugt, reizbar und erschöpft war.

Eine Situation ist mir dabei besonders schmerzlich in Erinnerung geblieben, weil es nicht nur mich betraf, sondern auch meine Kinder. Lange bevor ich erkannte, was mit mir los war, fuhr ich mit meinen Kindern wie immer in den Sommerurlaub. Wir fuhren nach Bayern, denn wir lieben die Berge – und diesmal waren die Berge dran, die mich früher auch unheimlich entspannt hatten. Es war eine wunderschöne Landschaft, toller Ausblick von der Terrasse und eine Umgebung mit schönen Ausflugszielen. Wir waren dort fast zwei Wochen, aber ich konnte mich überhaupt nicht erholen. Ich war nur gereizt, konnte kaum eine Nacht schlafen und war die ganze Zeit müde und erschöpft. Im Grunde war mir alles zu viel, ich hatte keine Energie und nichts, was ich tat, brachte wirklich Erholung – zumindest nicht so wie es ein Urlaub tun sollte und bisher tat.

Dass ich nichts Positives mehr fühlen konnte, habe ich erst viel später erkannt.

Und dann mit meinen Söhnen verarbeitet.


Was passiert, wenn du deine eigenen Bedürfnisse nicht kennst

Vor zwei Jahren fragte mich dann jemand, was eigentlich meine Bedürfnisse sind – ich verstand die Frage nicht mal. Die nächste Frage war dann, was ich bräuchte, damit es mir gut geht. Ich brauchte viele Monate, um mir darüber klar zu werden, denn ich wurde vorher noch niemals danach gefragt!

Es ist nicht so, dass ich nicht wüsste, was Bedürfnisse sind. Im Gegenteil, ich kannte die Bedürfnisse jeder Person in meinem Umfeld, inklusive meiner Chefs und Kollegen, aber meine eigenen waren nie Thema. Und da ich sie nicht kannte, habe ich sie nie äußern oder gar einfordern können. Ziemlich blöd, ich weiß. Die Krux an der Sache ist aber, wenn du deine eigenen Bedürfnisse nicht kennst, wie willst du dann selbst für dich sorgen. Und genau das ist der Grund, warum viele Menschen keine Selbstfürsorge gelernt haben. Das betrifft nicht alle Menschen. Aber wenn du bis hierher gelesen hast, weißt du wahrscheinlich selbst, ob es dich betrifft. Aber keine Sorge, Selbstfürsorge ist erlernbar und du bist schon auf dem richtigen Weg.


Stell dir also als nächstes folgende Fragen:

Wer bist du, wenn du nicht erschöpft bist?

Und was brauchst du, um wieder diese Person zu sein?


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