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Geschichten von Neustarts und Umbrüchen aus Sicht einer Reha-Coachin

„Red Flags“ – warum sehe ich sie oft erst zu spät?

Hast du auch manchmal das Gefühl, dass du für diese sogenannten „Red Flags“ im Job und im Privatleben blind bist?

Also mir geht das dauernd so.

Meistens bemerke ich es erst, wenn ich durch Social Media scrolle und mir plötzlich ein Video über diese Red Flags in den Newsfeed gespült wird. Falls du den Begriff bislang noch nicht gehört hast – Red Flags, also rote Flaggen, sind Warnzeichen, die auf toxisches oder ungesundes Verhalten von Menschen hinweisen. Das können einfache Sätze oder Reaktionen sein, aber auch komplexe Manipulationsversuche.

Dann sehe ich dort, wie über diese Warnsignale gesprochen wird und denke mir nur: Ja klar, warum ist mir das denn bitte bisher nicht selbst aufgefallen?

Und oft kommt direkt danach der nächste Gedanke:
👉 „Wie dumm kann man denn sein.“

Wunderbar, oder?

Nicht genug damit, dass ich mir meine partielle Blindheit eingestehen muss – nein, ich mache mich dafür auch noch selbst fertig. Niemand kann das übrigens so gut wie ich selbst.

Warum wir Warnzeichen trotz Wissen übersehen

Aber warum merke ich diese Warnzeichen nicht, selbst wenn ich inzwischen schon wirklich viele kenne? Warum falle ich trotzdem immer wieder halbblind auf solchen Bullshit rein?

Ich habe da eine Theorie – vielleicht kommt dir das bekannt vor.

Kennst du diese Sätze:

  • „Wenn er gemein zu dir ist, dann mag er dich – er kann es nur nicht zeigen.“
  • „Nur unter Druck entstehen Diamanten.“

Ja genau. Wegen solcher und ähnlicher Sätze aus meiner Kindheit und Jugend.

Die haben sich so eingebrannt, dass es wirklich schwer ist, mein Unterbewusstsein davon zu überzeugen, dass sie eigentlich Gift sind und mich immer wieder in Situationen bringen, die mir am Ende nicht guttun.

„Unter Druck entstehen Diamanten“ – wirklich?

Viele Jahre – oder besser Jahrzehnte – nahm ich es im Job als Kompliment, wenn meine Vorgesetzten mir mit diesem „Diamanten“ kamen.

Denn natürlich wollte ich gut in meiner Arbeit sein und darin „glänzen“. Ja, vermutlich sehr naiv, aber ich bin mit einem hohen Leistungsanspruch erzogen worden.

Ich dachte also jahrelang, dass mich meine Vorgesetzten für ein Juwel halten, wenn ich alles schaffe, was sie von mir erwarteten. Klingt doch toll, oder? Vor allem dann, wenn Führung nach dem Motto funktioniert:
👉 „Nicht gemeckert, ist genug Lob.“

Aber verdammte Sch…
👉 Ich bin nicht aus Kohlenstoff, sondern aus Fleisch und Blut.

Und mehr Druck macht eben keinen Diamanten aus mir – auch wenn das noch so schön klingt.

Im Gegenteil: Unter Dauerstress werden Menschen krank. Das ist inzwischen keine wilde Vermutung mehr, sondern für mich bittere Realität geworden.

Ich musste in der Burnout-Spirale ziemlich weit unten ankommen, um das zu merken. Und auch danach war und ist es ein langer Weg zu unterscheiden, wie viel Druck ich gesund kompensieren kann – und ab wann es zu viel wird.

Wenn dein Körper zur Red Flag wird

Das letzte Mal, als ich es nicht gemerkt habe, bekam ich übrigens einen stressbedingten Hörsturz.

Anscheinend ist zumindest mein Körper inzwischen ein ziemlich deutliches Frühwarnsystem für zu viel Stress geworden.

Aber dazu wird es noch weitere Geschichten geben.

Was wir früh lernen – und später nicht mehr hinterfragen

Und von dem, was wir – vor allem wir Mädchen – schon im Kindergarten lernen, fange ich lieber gar nicht erst an.

„Wenn Jungs gemein sind, dann mögen sie dich.“

Ja klar.

Hier habe ich nach ungefähr 40 Jahren immerhin gelernt, dass das kompletter Bullshit ist. Aber das hat verdammt lange gedauert und brachte sehr viele Selbstzweifel und Kummer mit.

Kürzlich sah ich ein Interview eines prominenten Paares (inzwischen geschieden), in dem er Sätze sagte, die mir so unglaublich bekannt vorkamen – und sie hörte sich das mit genau dem gleichen Gesichtsausdruck an, wie ich damals.

Aber das, was er sagte, war einfach nur gemein.

Und ganz ehrlich:
Niemand, der einen anderen Menschen wirklich mag, würde so mit ihm umgehen.
Niemand, der in dir einen „Diamanten“ sieht, verlangt Dinge, die dir nicht guttun.

Red Flags erkennen – worauf du achten kannst

Die Situationen, die du erlebt hast oder noch erlebst, können sich ganz unterschiedlich darstellen. Denn Red Flags sind nicht immer so dunkelrot, dass sie uns direkt ins Auge springen.

Deshalb nimm dir etwas Zeit und beobachte einmal ganz neutral:

👉 Wie sprechen Menschen mit dir?
👉 Wie verhalten sie sich dir gegenüber?

Und vor allem:

👉 Wie fühlt es sich in deinem Körper an?

Wenn es in deiner Brust enger wird oder du dich kleiner, unsicherer oder dümmer fühlst, dann könnte das eine Red Flag sein, natürlich kann sich ein Gefühl auch woanders in deinem Körper bemerkbar machen. Oft erkennen wir alle möglichen Warnzeichen viel besser mit unserem (Bauch)Gefühl, wenn wir wieder lernen darauf zu achten. Also lausche öfter mal in deinen Körper hinein, was er dir „erzählen“ oder zeigen will.

Vielleicht ist es genau das Signal, das dir zeigt, dass du dort „nichtbleiben“ solltest.

Vielleicht bist du nicht blind – sondern geprägt

Vielleicht geht es gar nicht darum, dass du diese Warnzeichen nicht sehen kannst.

Vielleicht hast du einfach gelernt, sie falsch zu interpretieren.

Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Veränderung beginnt.


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