Kennst du das? Du bist endlich an dem Punkt, an dem du so halbwegs verstehst, was du brauchst, um wirklich effizient und zufrieden zu arbeiten. Nicht perfekt, nicht vollständig – aber halbwegs. Das allein ist schon keine Kleinigkeit, denn die meisten Menschen verbringen Jahre damit, genau das herauszufinden.
Und dann, wenn du so weit bist, beginnst du dich nach passenden Stellen umzuschauen und erste Bewerbungen zu versenden. Das alles machst du neben dem Job, der dich womöglich auffrisst. Neben allen anderen Alltagsverpflichtungen, die jeder von uns mehr oder weniger hat. Neben dem Leben, das einfach weiterläuft, während du versuchst, dein nächstes Kapitel zu schreiben.
Die Bewerbungsunterlagen – ein Dschungel mit vielen Meinungen
Allein die Tatsache, wie viel Zeit Recherche und Vorbereitung dafür erfordern, ist schon überraschend. Wenn du dann aber das Web nach Tipps für neue Bewerbungsunterlagen durchsuchst, wird es erst richtig wild.
Bereits als Jobcoach habe ich meinen Teilnehmenden immer gesagt: „Frag fünf Coaches und du erhältst mindestens sechs Meinungen.“ – wenn sie fragten, wie die perfekten Bewerbungsunterlagen aussehen. Das hat sich nicht verändert, eher im Gegenteil. Durch KI hat sich in den letzten Jahren nochmal so einiges verschoben, und trotzdem bin ich weiterhin der Meinung: die perfekten Bewerbungsunterlagen gibt es nicht. Und schon gar nicht gibt es EINE Variante für ALLE Unternehmen. Dazu ein anderes Mal mehr.
Das Problem ist, dass es immer noch Coaches gibt, die dir genau diese eine Lösung verkaufen wollen. Also sei achtsam – und vertrau deinem Bauchgefühl, wenn etwas zu glatt klingt, um wahr zu sein.
Poker, Theater und ein Tanz ohne Musik
Kannst du dich vielleicht an den Film „Was Frauen wollen“ mit Mel Gibson erinnern? Ich wünschte, ich könnte das im Vorstellungsgespräch – Gedanken lesen. Wäre doch echt hilfreich, oder?
Aber nein. Stattdessen sitzen wir da, fühlen uns zeitweise hilflos und irgendwie nackt – immerhin wissen die anderen ja vielmehr über dich, als du über sie – und versuchen verzweifelt, die Mimik unseres Gegenübers und seine Formulierungen nach versteckten Botschaften zu entschlüsseln. Während von uns Bewerbenden meist totale Ehrlichkeit erwartet wird. Na ja, außer bei den verbotenen Fragen, bei denen gelogen werden darf. Nur bin ich im Lügen wirklich sehr schlecht.
Das Vorstellungsgespräch fühlt sich manchmal an, als ob du Poker spielst, aber jeder der anderen Spieler kann dein Blatt sehen. Da hilft auch meistens üben nicht viel, denn jedes neue Gespräch kann potenziell ein neues Theaterstück werden. Oder du wirst zu einem Tanz gebeten, aber die Musik spielt nur für die anderen. Du kennst die Schritte nicht. Du weißt nicht mal, welches Lied gerade läuft.
Frustrierend, oder?
Was wäre, wenn wir den Spieß umdrehen?
Wie gern würde ich den Spieß da mal umdrehen. Immerhin habe ich selbst bereits viele Interviews geführt und weiß: psychologische Sicherheit, Ehrlichkeit und Verlässlichkeit bringen im Gespräch viel mehr beim Bewerbenden zum Vorschein als eine angespannte Atmosphäre.
Sicher versuchen viele Personaler, solch eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Aber ein Getränk und die Frage, ob man gut durch den Verkehr gekommen ist, reichen dafür nur selten aus. Und ich rede hier nicht von den Interviewprofis. Ich rede von Menschen, die ihren letzten Job mit einem hohen Leidensdruck verlassen haben. Oder die aktuell nur das Gefühl haben, nicht mehr bleiben zu können. Die sich selbst gerade kaum über Wasser halten – und trotzdem im Gespräch funktionieren sollen, als wäre alles in Ordnung.
Vielleicht könnten wir das Interview ja mal mit einem kurzen Bewertungsbogen beginnen, den der Arbeitgeber im Vorfeld ausfüllt. Immerhin macht er das mit unseren Unterlagen ja auch. Wie bewertet er die Passung meiner Unterlagen zur Stelle? Wie offen wird er bei heiklen Themen sein – Mehrarbeit, Fluktuation, Vertretungssituationen? Wie starr ist seine Vorstellung vom künftigen Stelleninhaber?
Das würde für das Gespräch einiges erleichtern. Mehr Ehrlichkeit am Anfang bedeutet weniger Kosten am Ende – wenn Bewerbende nämlich nicht erst in der Probezeit merken, dass es nicht passt, sondern schon vorher. Leider halten Unternehmen gern Informationen zurück, vor allem wenn der Besetzungsdruck hoch ist. Das habe ich selbst oft erlebt. Und ich habe oft erlebt, wie sehr sich Unternehmen dann wundern, warum neue Mitarbeitende so schnell wieder gehen.
Das Leben, das im Lebenslauf keinen Platz hat
Was ich außerdem gern thematisieren würde: Kompetenzen und Erfolge, die nicht aus dem Berufsleben stammen und deshalb häufig als irrelevant angesehen werden. Dabei lernen wir immer und überall. Wir entwickeln unsere Persönlichkeit kontinuierlich weiter – nicht nur im Job, sondern im ganzen Leben.
Ich könnte zum Beispiel anhand meiner Hobbies manche Kompetenzen viel anschaulicher und verständlicher erklären als anhand meiner letzten Stellen. Wie viel Geduld und Struktur es braucht, um ein perfektes Sauerteigbrot selbst zu backen. Was es bedeutet, zwei Kinder aus dem neurodivergenten Spektrum großzuziehen – und dabei nicht nur zu funktionieren, sondern wirklich präsent zu bleiben.
Das ist kein Lebenslauf. Das ist Leben.
Aber kämen wir mit solchen Beispielen ins Gespräch, wäre es vermutlich schnell beendet. Fehlende berufliche Kompetenz würde unterstellt. Dabei wäre genau das Gegenteil der Fall.
Und weißt du, was ich eigentlich gern in mein nächstes Anschreiben schreiben würde? „Sehr geehrte Damen und Herren, ich weiß was ich gut kann und unter welchen Bedingungen ich großartige Leistungen erbringe. Ich weiß aber auch, dass ich weder eine gute Pokerspielerin noch Schauspielerin bin – weil ich nicht lügen kann. Für ein Gespräch auf Augenhöhe bin ich bei beiderseitigem Interesse aber auf jeden Fall zu haben. Ich habe weder die Energie noch die Lust für ein Theaterstück namens Vorstellungsgespräch. Vielleicht geht es euch ja genauso. Ein frisches Brot bringe ich übrigens gern mit – für eine wirklich entspannte Atmosphäre. Und dann erzähle ich euch, was ich dadurch alles lernen konnte.“
Vielleicht sollte ich zum nächsten Interview wirklich mal ein frisches Brot mitbringen. Und schauen was passiert, wenn ich anhand dessen über meine Kompetenzentwicklung spreche. Was denkt ihr? Und vor allem – wie würdet ihr reagieren? Lasst mir gern einen Kommentar da. Ich bin gespannt.

